AWO stellt zum 100. Jubiläum Frauen in den Mittelpunkt

Fachtagung und Familienfest im Rahmen der AWO Festtage in Ahrensburg

Ahrensburg. Die Chancengleichheit aller Geschlechter steht anlässlich des 100. Jubiläums der AWO am Wochenende in Ahrensburg im Mittelpunkt. Unter dem Motto „Megatrend Frau Macht Zukunft – wie gelingt der Kulturwandel?“ veranstaltet der AWO Landesverband Schleswig-Holstein e.V. am Samstag eine Fachtagung mit etwa 70 Teilnehmer*innen rund um das Thema Frauen und Gleichberechtigung.

Starke Frauen in der AWO

„Viele starke Frauen haben die Geschichte der AWO in den vergangenen 100 Jahren geprägt und prägen sie auch heute noch. In dieser langen Zeit ist zwar viel passiert, trotzdem sind die Forderungen nach einem selbstbestimmten, gewaltfreien und ökonomisch abgesicherten Leben sowie nach gleichberechtigter Teilhabe für alle Frauen heute noch lange nicht zufriedenstellend erreicht“, sagt AWO Landesgeschäftsführer Michael Selck. Als Gründerin der AWO, Pionierin für Frauenrechte, Sozialreformerin und Mitglied der Weimarer Nationalversammlung trat Marie Juchacz als erste Frau in einem deutschen Parlament ans Rednerpult. Bei der Einführung des deutschen Frauenwahlrechts sagte Juchacz bei ihrer Rede im Reichstag im Jahr 1919: „Ich möchte hier feststellen […], dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was die Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

In ihrem Vortrag betont Lydia Struck, Kulturanthropologin und Ur-Großnichte von Marie Juchacz: „Es gab mindestens drei Eigenschaften, die Marie Juchacz zeitlebens antrieben: ihre Hartnäckigkeit, ihr Sinn für Gerechtigkeit und ihre Zuversicht in die Zukunft.“ Doch wie sieht es für Frauen heute in der Gesellschaft aus? Wollen Frauen Macht? Brauchen sie auf dem Weg dorthin eine besondere Förderung? Oder brauchen sie nur Mut? Und wie sieht es in der sozialen Arbeit aus?

Durch die Fachtagung führt Minou Amir-Sehhi, die als Journalistin für verschiedene ARD-Sender tätig ist. Nach einer Einführung von Lydia Struck und einem Impulsvortrag von Nicole Schmutte, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversity beim NDR, diskutieren die ehemalige Ministerin für Bildung und Frauen, Ute Erdsiek-Rave, der Feminist Vincent-Immanuel Herr und die AWO Kreisgeschäftsführerin Stormarn Anette Schmitt über den Wandel in der Gesellschaft, Stereotype und überholte Rollenbilder. „In vielen Bereichen sind die Chancen von Frauen auf Macht und Einfluss so gut wie nie zuvor. Sie müssen nur ergriffen werden. Gleichzeitig muss der Kampf gegen Ungleichheit immer wieder neu geführt werden: gegen ungleiche Bezahlung, fehlende Quoten in der Wirtschaft, Gewalt in Beziehungen, überkommene Rollenbilder, gegen die politischen Kräfte, die das Rad zurückdrehen wollen“, sagt Ute Erdsiek-Rave, ehemalige Ministerin für Bildung und Frauen in Schleswig-Holstein, in der Podiumsdiskussion.

Es gibt noch viel zu tun

Der demografische Wandel zwingt uns zum Umdenken und die neuen Generationen Y und Z fordern es konsequent ein: Und da steht das Aufheben der strukturellen Ungleichheit von Frauen und Männern, insbesondere im beruflichen Umfeld, ganz vorne. Mittlerweile gehen Frauen immer mehr dazu über, Netzwerke zu bilden. Die Digitalisierung ist dafür der ideale Wegbereiter. Doch nicht nur sich untereinander zu verbünden, ist ein Königsweg, sondern auch der, die richtigen Männer zu Komplizen zu machen. Davon ist Nicole Schmutte überzeugt: „So können wir schneller etwas Grundlegendes bewegen, einen Bewusstseins- und Kulturwandel vorantreiben, damit mehr Frauen Gesellschaft, Wirtschaft und unsere Welt gestalten können.“

Auch in der sozialen Arbeit gibt es noch einiges zu tun, wie Anette Schmitt bei der Podiumsdiskussion betont: „Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Sozialarbeit wirkt fast statisch. Kurz vor ihrem 100-jährigen Bestehen setzte sich die Arbeiterwohlfahrt in einem Gleichstellungsbericht mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Verband auseinander und stellt fest, dass Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt eine Frage des Überlebens des Verbandes sind.“ Begleitet wird die Fachtagung von einem Familienfest und einer Ausstellung zur 100-jährigen Geschichte der Arbeiterwohlfahrt.