Von Nachbarn für Nachbarn

Trotz drohender Abschiebung steht Solidarität in Zeiten der Corona-Krise für eine irakische Familie aus Flensburg an erster Stelle

Einrichtungsleiter der Flüchtlingsbetreuung der AWO Interkulturell in Flensburg, Goran Vidovic, überreicht Shaimaa A. eine Dankesgeste.

Flensburg. Das große Motto in Zeiten der Corona-Pandemiebekämpfung lautet Schutz der schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Gerade diese Menschen bedürfen einer breiten Solidarität in unserer Gesellschaft. Wirklich nur Schutz der Schwächsten? Wie steht es mit Menschen in schwierigen Lebenslagen, mit perspektivischen Ungewissheiten und in beengten Wohnverhältnissen, die dennoch mit einem offenen Blick und einem großen Herz für die Menschen um sie herum, allen voran die eigenen Nachbarn, durch den Alltag gehen?

So aufmerksam ist auch Shaimaa A. aus Flensburg. Sie kam vor 4 Jahren mit ihrem Mann und ihren 3 Kindern als Geflüchtete aus dem Irak nach Deutschland und lebt seit dem in einer Flensburger Flüchtlingsunterkunft. Themen wie Abstandsregeln und räumliche Trennung sind hier, wie in jeder anderen Unterkunft, an besondere Herausforderungen gebunden. Die beiden Söhne (19 und 22 Jahre alt) teilen sich ein Zimmer, die 20-jährige Tochter hat zumindest ein eigenes. Nur ein kleines Wohnzimmer gibt der Familie die Möglichkeit vereinzelt Privatsphäre zu schaffen.

Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt. Mit einem derzeit bestehenden Duldungsstatus sieht Shaimaa A. sich und ihre Familie täglich denselben Fragen und Sorgen um die eigene Zukunft ausgesetzt. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen, ist weiter aktiv und engagiert sich in einem Frauennähcafé. Als die Bewohner*innen von der Flüchtlingsbetreuung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) über die Epidemie-Maßnahmen der schleswig-holsteinischen Landesregierung informiert wurden, setzte sich Shaimaa A. umgehend an die Nähmaschine im Frauencafé und besorgte auf eigene Kosten kaum noch verfügbare Gummibänder. Sie schneiderte Stoffmasken für sich und ihre Familie. Doch dabei ist es nicht geblieben. Sie nähte Masken für alle in ihrer Unterkunft, die keinen Mund- und Nasenschutz haben. Sie bat die Betreuerin der AWO, Angelika Nikolaisen, diese in der Unterkunft zu verteilen. Masken Einen Zuschuss zu den Materialien lehnte sie entschieden ab. Sie wollte dies als ihren „Beitrag in der Krise“ leisten. Auf die Frage, was sie dazu bewegte die Masken zu schneidern, antwortete Shaimaa A., dass noch zu Beginn der Maskenpflicht kaum welche verfügbar waren und wenn, dann „zu hohen Preisen“ angesichts dessen, was vielen ihrer Nachbarn für den Lebensunterhalt zur Verfügung stünde.

Die Frage nach einer Perspektive in Deutschland bleibt für sie und ihre Familie weiterhin offen. Ihre Nachbarn hat sie jedenfalls nicht vergessen. Manchmal sind die vermeintlich Schwächsten eben doch die Stärksten, die uns Solidarität vorleben.

Kontakt
Goran Vidovic, Einrichtungsleitung Flensburg Flüchtlingsbetreuung
Tel: 0461 406818 31
E-Mail: