Von Marokko nach Mildstedt – gegen den Fachkräftemangel in der Pflege 

AWO Pflege Schleswig-Holstein bildet junge Menschen aus Drittstaaten aus und stellt Forderungen an die neue Bundesregierung. 

Kiel. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die Finanzierung reicht oft nicht aus, die Belastung für die Pflegefachkräfte, aber auch für pflegende Angehörige wird immer größer. „Die Probleme in der Pflege sind bekannt und oft genug diskutiert. Von der neuen Bundesregierung fordern wir echte Lösungen und haben dafür konkrete Vorschläge“, betont Michael Selck, Vorstandsvorsitzender des AWO Landesverbandes Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit anderen Sozialverbänden und verschiedenen Prominenten hat die AWO die Petition „Mach dich stark für Pflege“ gestartet und übergibt die Unterschriften zum Tag der Pflege am 12. Mai an die Verantwortlichen in Berlin. 

Bis zu 690.000 neue Pflegekräfte braucht Deutschland laut Statistischem Bundesamt bis zum Jahr 2049. Durch den demografischen Wandel steigt der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften, gleichzeitig werden gerade in allen Branchen Fachkräfte gesucht und ein Job im Schichtsystem und mit Wochenendarbeit erscheint da wenig attraktiv. Es fehlt an Personal und die die bleiben, müssen noch mehr leisten. Ein Teufelskreis. „Die im Koalitionsvertrag angekündigte Pflegereform ist längst überfällig und sollte zügig und gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden erarbeitet und umgesetzt werden“, fordert Selck.

Ein wichtiger Baustein ist der Bürokratieabbau für die Ausbildung und Akquise ausländischer Pflegefachkräfte, wie die Anerkennung von Abschlüssen, die Unterstützung mit fachspezifischem Sprachunterricht und attraktive Arbeitsbedingungen für alle Pflegefachkräfte. „Hierzu gehört auch, dass sich ausländischen Fachkräfte in der deutschen Gesellschaft willkommen fühlen. Dafür muss sich die Bundesregierung klar gegen Rechts positionieren und dementsprechend handeln“, betont Selck.  

Bis zu 3.000 Bewerbungen aus Drittstaaten pro Jahr

Bewerbungen für Ausbildungsplätze erhält die AWO Pflege Schleswig-Holstein immer weniger und hat 2019 mit einem Pilotprojekt in Mildstedt begonnen, junge Menschen aus Drittstaaten nach Deutschland zu holen, um sie hier zu Pflegefachkräften auszubilden. 2024 gab es dafür den Sonderpreis des Pflegeleuchtturms für Schleswig-Holstein. Heute erhält die AWO Pflege Schleswig-Holstein jährlich bis zu 3.000 Bewerbungen aus Drittstaaten und bildet aktuell ca. 30 junge Menschen aus Indien, Marokko, Albanien, Iran, Indonesien und Syrien aus.

Eine von ihnen ist Khaoula Chahboun. Die 23-jährige Marokkanerin kam 2024 nach Deutschland und macht seitdem ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft beim AWO WOHN- und Servicezentrum in Mildstedt. Die Arbeit mit den Seniorinnen und Senioren macht ihr Spaß. „Wir erzählen von unserem Leben und lachen viel zusammen“, erzählt sie. Mit einem Video über ihren Beruf und die Freude dabei gewann sie 2024 den Pflegeazubi-Award. 

Sie hat Lust neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Aber auch bei ihr kommt ab und zu das Heimweh durch. Dann hat Sarah Jacobsen immer ein offenes Ohr für sie. Sie ist die Integrationskoordinatorin der AWO, organisiert alle Formalitäten und ist vor Ort Ansprechpartnerin für alle kleinen und großen Probleme. „Es ist uns wichtig, dass die Auszubildenden sich bei uns wohlfühlen, dann können sie sich besser auf ihre Ausbildung konzentrieren und bleiben auch danach gern bei uns.“ 

Gut qualifiziert und motiviert

Gegen das Heimweh hilft auch, dass Khaoula Chahboun in einer WG mit zwei weiteren Auszubildenden aus Marokko lebt.  „Dass viele unserer Pflegeazubis aus Marokko kommen, liegt unter anderem an dem guten Ausbildungssystem dort. Und da es nicht genügend Arbeitsplätze im Land gibt, suchen gerade gut qualifizierte junge Menschen ihr Glück im Ausland. Oft bringen sie einen Bachelor oder Masterabschluss mit“, erklärt Thomas Schella. 

Tatsächlich ist neben Deutsch auf B2-Level ein Studienabschluss auch eines der Auswahlkriterien für die AWO, da die jungen Menschen dann die Herausforderung besser meistern, eine Ausbildung in einer fremden Sprache zu machen und täglich mit vielen Menschen zu sprechen.

In mehreren Videokonferenzen lernen Schella und sein Team die Kandidat*innen kennen und versuchen so herauszufinden, ob diese den Herausforderungen gewachsen und in ihrer Persönlichkeit so gefestigt sind, dass sie auch Heimweh überstehen und bereit sind, sich auf das Leben in einem anderen Land einzulassen. Die emotionale Unterstützung durch die Familie ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. 

Persönliche Betreuung für eine gute Integration

Hat es mit der Zusage geklappt, gibt es schon im Heimatland weitere Online-Sprachkurse speziell für Pflegedeutsch, während sich das AWO-Team um Formalitäten kümmert und alles für einen guten Start in Norddeutschland vorbereitet.  „Wir holen unsere neuen Auszubildenden persönlich vom Flughafen ab und schon in den ersten Tagen lernen sie alle Menschen kennen, die sie durch die dreijährige Ausbildung begleiten werden. 

Der Einstieg in der Pflegeschule wird gut vorbereitet und intensiv mit Sprach- und Nachhilfeunterricht begleitet, damit die ersten Prüfungen trotz Sprachbarrieren bestanden werden. Nur dann dürfen die Pflegeazubis in die erste Praxiseinheit starten. Thomas Schella würde diese Hürde gern verringern: „Unsere Azubis haben eine gute Vorbildung und es wäre einfach schade, wenn sie daran scheitern, dass sie im ersten Schulblock die feinen Unterschiede in der Fragestellung noch nicht erkennen. Hier würde es schon helfen, die Fragen in der Muttersprache zu stellen und dann die deutsche Antwort zu bewerten.“

Bürokratische Hürden gibt es noch einige, beispielsweise dass das Visum trotz dreijährigem Ausbildungsvertrag immer nur für ein Jahr vergeben wird. In der ambulanten Pflege ist außerdem ein Führerschein unverzichtbar. Ausländische Führerscheine müssen nach sechs Monaten durch eine Nachprüfung in einen deutschen Führerschein umgewandelt werden. Auch die dafür notwendigen Formalitäten dauern oft zu lange. 

Khaoula Chahboun ist jetzt selbstständig mit dem Auto unterwegs. Bei ihren Einsätzen wird sie jeweils von einer Praxisanleiterin oder einem Praxisanleiter begleitet, die die pflegerischen Dienstleistungen wie das Anziehen von Kompressionsstrümpfen oder Unterstützung bei der Körperhygiene anfangs erklären und Tipps geben, später eher begleiten und ggf. noch korrigieren. Für die Pflege der Senior*innen braucht Khaoula kaum noch Anleitung. Zur Ausbildung gehören auch außerbetriebliche Praktika in anderen Einrichtungen z.B. für die Pflege von Kindern und von Patient*innen im Krankenhaus. Nach ihrem Abschluss kann sie sich vorstellen, Medizin zu studieren oder selbst Anleiterin zu werden und weitere Auszubildende aus Drittstaaten bei ihrer Pflegeausbildung zu unterstützen. 

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